die grösste Stadt der welt

China und

 seine Menschen und warum Essens Nordstadt eine Paralellwelt sein könnte…

1956 schwamm ein alter Mann durch den Jangtse, damit beginnt die Geschichte von Chongqings Wachstum. Als der Mann den Fluten entstieg, schrieb er ein Gedicht, es heißt „Schwimmen“.

Große Pläne sind im Gange / Steinmauern werden stromaufwärts stehen / Ein stiller See entsteht in den engen Schluchten …

Der alte Mann hieß Mao Tse-tung, und sein Gedicht war das Startsignal für den Drei-Schluchten-Staudamm. Als vier Jahrzehnte später, 1993, mit dem Bau dieser weltgrößten Talsperre begonnen wurde, schuf die Partei an den Ufern des Jangtse eine Sonderwirtschaftszone. Aus Chinas bevölkerungsreichster Provinz Sichuan schnitt man ein sattes Stück heraus und nannte es Chongqing, nach der größten Stadt des neu geformten Gebiets. Als der Pegel des Jangtse zu steigen begann, stieg Chongqing zum Wirtschaftszentrum des chinesischen Hinterlands auf, und Wanderarbeiter wie Jia Congcai strömten zu Hunderttausenden in die Stadt.

Im chinesischen Verwaltungsjargon trägt Chongqing seitdem den Titel „Regierungsunmittelbare Stadt“. Man kann darüber streiten, ob „Stadt“ das richtige Wort ist für dieses Riesengebilde. Die Gebietsgrenzen umfassen weite, dünn besiedelte Agrarregionen, und die Ballungsräume dazwischen gehören nicht zu einer, sondern zu mehreren Großstädten, deren größte, die Kernstadt Chongqing, um die zehn Millionen Einwohner hat. Geht man jedoch nach der Bevölkerungszahl der gesamten Munizipalität, dann ist Chongqing weit größer als Tokio, Mexiko-Stadt oder Schanghai.

Vielleicht kann man es so zusammenfassen: Chongqing ist theoretisch die größte Stadt der Welt – und definitiv die größte Stadt, von der die Welt nie gehört hat.

„Tschung-Tching“ wird der Name gesprochen, die erste Silbe steigt an, die zweite fällt ab, es klingt wie eine Frage, gefolgt von einer Antwort: Tschung? Tching! „Doppeltes Fest“ bedeutet das, so taufte die Stadt ein Herrscher, der im 12. Jahrhundert zweifach Grund zum Feiern hatte, erst stieg er zum König, dann zum Kaiser der Song-Dynastie auf. Das klangliche Steigen und Fallen des Namens ähnelt den Bergen, von denen Chongqing umgeben und durchzogen ist, jeder Weg durch die Stadt führt auf und ab, auf und ab.

Es waren die Berge, die Jia Congcai in die Stadt zogen, sie verhießen Arbeit. Jia ist ein „Bang-Bang-Mann“, so heißen hier die, die zum Geldverdienen keine weitere Qualifikation mitbringen als ihre Schultern. Man erkennt sie am namensgebenden „Bang“, dem Bambusstab über ihren Schultern, mit dem sie links und rechts vertäute Waren zu Fuß durch Chongqings unebene Straßen schleppen, auf und ab, auf und ab. Im vorgerückten Alter erkennt man Bang-Bang-Männer auch an ihren auffällig unebenen Schultern.

Jia Congcai, dessen Schultern noch gerade sind, kann 100 Kilo tragen, er selbst wiegt 70 Kilo. Damit zählt er nicht zu den kräftigsten Bang-Bang-Männern, es gibt in Chongqing welche, die das Dreifache ihres Körpergewichts stemmen. Vor Märkten und Einkaufszentren trifft man sie, da stehen sie, auf ihre Stäbe gestützt, und warten auf Kunden. Jia Congcais Revier ist die große Shopping-Mall am Platz der Drei Schluchten, sieben Stockwerke voller Waren, die darauf warten, durch die Stadt geschleppt zu werden, auf und ab, auf und ab. Bang-Bang-Mann!, rufen die Kunden, zwei Kartons, wie viel? Prüfend hebt Jia Congcai dann die Waren, fragt nach der Länge des Wegs, nennt einen Preis. Für fünf Yuan trägt er Gemüsekörbe bis zum Parkplatz, für 50 schleppt er Kühlschränke in Dachgeschosswohnungen ohne Fahrstuhl. Wenn es einigermaßen läuft, hat er am Ende des Monats 1500 Yuan verdient, 190 Euro.ZG-CHONGQING-china WOMEN-S-DAY-TRAFFIC.jpg

 

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