USA -Gefühle&Wahrheiten; ALTERNATIVE FAKTEN..2017

Darf man den türkischen Präsidenten mit einer Banane im After darstellen? Man darf – aber muss man das tun? Man muss, wenn man auf billige Weise Effekte erzielen und vorhersehbare Reflexe auslösen will. Ein langweiliges Spiel, meint unser Kommentator Peter Zudeick.

Musste das sein? Erdogan mit Banane im After? Wo doch jeder weiß, wie heftig Erdogan selbst und seine Fans auf Provokationen dieser Art reagieren. Antwort: Es muss sein dürfen. Meinungs- und Kunstfreiheit sind wichtige Errungenschaften, und wir dürfen uns von Diktatoren, professionellen Radaubrüdern oder dumm gehaltenen politischen und/oder Religionsschwärmern dieses hohe Gut nicht kaputtmachen lassen. Mir geht das chronische und pathologische Beleidigtsein dieser Leute unglaublich auf die Nerven, und es geht einfach nicht, davor zu kuschen.

Nur stellt sich eine zweite Frage: Musste das jetzt sein und musste das so sein? Muss man unbedingt austesten, wie weit man mit Schmähungen eines Staatsoberhaupts gehen kann, wie nervös Erdogan ist, ob er seinen Nebenberuf als Prozesshansel noch intensiver betreiben will?

Thomas Baumgärtel, bekannt als der “Bananen-Sprayer”

Wohlgemerkt, es geht nicht um Geschmacksfragen. Natürlich ist es geschmacklos, eine Person öffentlich mit Banane im After darzustellen. Aber Geschmacklosigkeiten sind von der Kunstfreiheit grundsätzlich gedeckt. Sofern ein Kern kritischer Auseinandersetzung zu erkennen ist. Und da wird’s bei der Banane ein bisschen schwierig.

Man wird ja kaum sagen können: Da hat er’s dem Diktator aber mal so richtig gegeben, der Thomas Baumgärtel, Hut ab, das ist Mannesmut vor Fürstenthronen. Und dass er das dumme Publikum mit einem Paukenschlag auf einen unerträglichen Missstand hingewiesen habe, nämlich den Missstand Erdogan, ist auch nicht so ganz plausibel. Man hat schon davon gehört, was für ein schlimmer Finger dieser Mann am Bosporus ist, und die fiktive Banane in seinem fiktiven After fügt der geläufigen Kritik an Erdogan nichts hinzu. Buchstäblich nichts.

Vielmehr will hier einer auf billige Weise und mit geringstmöglichem Aufwand die größtmögliche öffentliche Wirkung erzielen. Das hat etwas Pennälerhaftes, das ist eine Art Gratis-Mut nach dem Motto: Guck mal, ich bin auch noch da, ich kann auch provozieren. Mit dem hübschen Nebeneffekt, dass mal wieder über einen Künstler gesprochen wird, dessen Markenzeichen gesprayte Banane nun doch etwas verblasst ist und keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlockt. Aber als Kampfinstrument gegen den bösen Muselmann – wär doch mal was.

Prompt reagieren Erdogan-Anhänger so, wie Baumgärtel sich das gewünscht hat. Wüste Beschimpfungen und Gewaltandrohungen hätten ihn per E-Mail erreicht, ob Morddrohungen darunter sind, wird sich zeigen: Die Mails in türkischer Sprache müssen noch übersetzt werden. Und natürlich wird diskutiert, ob ein Sicherheitsdienst vor dem Kunstverein Langenfeld Wache stehen soll. Routinierte Reflexe auf beiden Seiten: Der eine provoziert pflichtgemäß, der andere fühlt sich pflichtgemäß provoziert und droht, woraufhin der erste sich wiederum bedroht fühlen darf. Und möglichst wir alle mit ihm zusammen.

“Unter der Gürtellinie”, 2016

So richtig peinlich wird es dann, wenn der Bananen-Mann seine Beweggründe erklärt: Solidarisierung mit Jan Böhmermann. Sechs Monate später. Grandios. Ja, zugegeben, der Künstler sagt, das Bild sei während der Böhmermann-Affäre entstanden. Er habe es auf Anraten von Freunden aber nicht veröffentlicht. Und dann die Begründung: “Ich wollte zeigen, was wirklich unter die Gürtellinie geht.” Geht’s noch?

Vielleicht wird ja so ein Schuh daraus: Anlässlich der großen Erdogan-Demonstration Ende Juli hat Baumgärtel seinen Erdogan mit Banane auf Twitter, Instagram und Facebook unter die Leute gebracht. Aber die Leute hat’s nicht weiter interessiert. Und das geht natürlich gar nicht, weshalb Aktion und Reaktion jetzt genau das sein dürften, was dem Künstler vorschwebte.

Auch das geht mir erheblich auf die Nerven und langweilt mich entsetzlich: Großmäulig die Meinungs- und Kunstfreiheit in Anspruch nehmen, wenn es tatsächlich nur darum geht, im Gespräch zu bleiben und gute Geschäfte zu machen. Sicher ist auch das legitim, auch das muss sein dürfen. Nur macht das den Kampf um das hohe Gut Meinungsfreiheit unnötig fragwürdig.

pflast4rfb1g922m

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